Die ersten 100 Tage als Unternehmensnachfolgerin sind eine besondere Zeit. Vielleicht hast Du jahrelang im Familienunternehmen mitgearbeitet. Du kennst die Mitarbeiter, die Kunden und die Abläufe. Du weißt, wie Deine Eltern das Unternehmen aufgebaut haben und was ihnen wichtig ist. Und trotzdem ist plötzlich etwas anders. Denn mit der Übernahme verändert sich nicht nur deine Position auf dem Papier. Du veränderst Deine Rolle.
Aus der Tochter wird die Unternehmerin und genau dieser Schritt wird bei einer Unternehmensnachfolge häufig unterschätzt. Denn während sich vieles um Zahlen, Verträge, Steuern und strategische Entscheidungen dreht, bleibt eine entscheidende Frage oft im Hintergrund:
Wie willst Du eigentlich als Unternehmerin führen?
Die ersten 100 Tage als Unternehmensnachfolgerin sind keine Bewährungsprobe
Vielleicht hast Du das Gefühl, dass Du in den ersten 100 Tagen besonders viel beweisen musst. Du möchtest zeigen, dass Deine Eltern die richtige Entscheidung getroffen haben, dass Du das Unternehmen führen und Veränderungen anstoßen kannst. Und vielleicht entsteht daraus der Druck, möglichst schnell möglichst viel zu verändern. Aber: Du musst in den ersten 100 Tagen nicht beweisen, dass du alles kannst.
Du musst auch nicht zeigen, dass jetzt „endlich eine neue Generation“ da ist. Die ersten 100 Tage dürfen zunächst einmal eine Zeit des Beobachtens, Zuhörens und Orientierens sein. Denn bevor Du entscheidest, was Du verändern möchtest, solltest du wissen, was Du eigentlich übernehmen willst.
Du übernimmst ein Unternehmen, aber auch eine Geschichte
Eine Unternehmensnachfolge ist etwas anderes als der Einstieg in ein fremdes Unternehmen. Du übernimmst nicht nur eine Firma, sondern ein Stück Familiengeschichte.
Vielleicht haben Deine Eltern das Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut. Vielleicht kennen viele Mitarbeiter Deine Familie schon seit Jahren und vielleicht hängen Traditionen, Erinnerungen und persönliche Beziehungen an diesem Unternehmen. Das kann wunderschön sein, aber gleichzeitig auch Druck erzeugen. Denn plötzlich steht die Frage im Raum: Wie viel darf ich verändern?
Vielleicht möchtest Du neue Wege gehen und gleichzeitig möchtest Du das bewahren, was deine Eltern geschaffen haben. Doch Du musst dich nicht zwischen „alles bleibt wie bisher“ und „alles wird anders“ entscheiden.
Bewahren und verändern dürfen gleichzeitig existieren
Eine gute Nachfolge bedeutet nicht, das bisherige Unternehmen zu entwerten und sie bedeutet auch nicht, die Vergangenheit unverändert fortzuführen.
Du darfst anerkennen, was Deine Eltern aufgebaut haben und trotzdem Deine eigene Vision entwickeln. Genau darin liegt eine der wichtigsten Aufgaben der ersten 100 Tage: herauszufinden, was bleiben soll und was zu Deinem Unternehmen werden darf.
Die vielleicht schwierigste Veränderung passiert in Dir
Der Rollenwechsel von der Tochter zur Unternehmerin lässt sich nicht mit einem Stichtag erledigen. Vielleicht steht auf Deiner Visitenkarte bereits „Geschäftsführerin“. Aber innerlich fühlt es sich noch nicht immer so an. Vielleicht fragst Du Dich:
- „Darf ich das jetzt wirklich selbst entscheiden?“
- „Was denkt mein Vater, wenn ich es anders mache?“
- „Was sagen die Mitarbeiter dazu?“
- „Bin ich schon die Chefin oder muss ich mir diese Rolle erst verdienen?“
Diese Fragen sind völlig nachvollziehbar, denn Führung beginnt nicht mit einem Titel. Führung beginnt mit einem inneren Verständnis der eigenen Rolle.
Deine Eltern bleiben Deine Eltern
Eine der größten Herausforderungen in der Unternehmensnachfolge ist, dass familiäre und unternehmerische Beziehungen plötzlich neu sortiert werden müssen. Im Privaten bist Du weiterhin die Tochter und im Unternehmen trägst Du Verantwortung. Und leider lassen sich diese beiden Ebenen nicht immer sauber voneinander trennen.
Vielleicht möchte Dein Vater oder Deine Mutter weiterhin wissen, warum Du eine bestimmte Entscheidung getroffen hast. Vielleicht fällt es auch Dir schwer, Entscheidungen zu treffen, von denen Du weißt, dass Deine Eltern sie anders getroffen hätten. Das bedeutet nicht, dass eure Beziehung schlecht ist. Es bedeutet, dass sich eure Rollen verändern.
Grenzen sind kein Zeichen von Undankbarkeit
Gerade Nachfolgerinnen haben häufig Sorge, mit klaren Grenzen die Beziehung zu ihren Eltern zu belasten. Doch eine klare Rollenverteilung kann genau das Gegenteil bewirken! Wenn klar ist, wer im Unternehmen welche Verantwortung trägt, muss nicht jede geschäftliche Entscheidung zum Familienthema werden.
Du darfst die Erfahrung Deiner Eltern nutzen und trotzdem sagen: „Danke für deine Einschätzung. Ich entscheide mich diesmal anders.“
Sei Dir dabei bewusst: Das ist kein Angriff, das ist Unternehmertum!
Auch Deine Mitarbeiter brauchen Orientierung
Die ersten 100 Tage sind nicht nur für Dich eine Veränderung, sondern auch Deine Mitarbeiter müssen herausfinden, was Deine Führung bedeutet.
Sie kennen dich bereits seit Jahren und haben Dich vielleicht sogar aufwachsen sehen. Und jetzt sollen sie Dich als Unternehmerin wahrnehmen. Das passiert nicht automatisch. Du musst dafür nicht besonders streng oder dominant auftrete und Du musst auch nicht versuchen, möglichst schnell allen zu beweisen, dass Du die Chefin bist.
Was Deine Mitarbeiter vor allem brauchen, ist Klarheit.
- Wofür stehst du?
- Was ist Dir wichtig?
- Was erwartest Du?
- Welche Entscheidungen triffst Du?
- Und worauf können sie sich bei Dir verlassen?
Du musst nicht sofort alles wissen
Ich möchte Dir den Druck etwas nehmen: Eine Unternehmerin zu sein bedeutet nicht, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Gerade in den ersten 100 Tagen wirst Du auf Situationen treffen, die Du vorher nicht kennst. Du wirst Entscheidungen treffen, bei denen Du unsicher bist. Und wahrscheinlich wirst Du auch Entscheidungen treffen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Das gehört dazu!
Denn Stärke bedeutet nicht, niemals zu zweifeln, sondern trotz Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen. Du darfst sagen: „Das schaue ich mir erst genauer an.“ oder "Ich weiß es gerade nicht.“Das macht dich nicht weniger zur Unternehmerin. Im Gegenteil.
Was nach 100 Tagen wirklich wichtig ist
Nach den ersten 100 Tagen muss Dein Unternehmen nicht komplett anders aussehen. Du musst auch nicht zehn neue Projekte gestartet oder jede Herausforderung gelöst haben! Viel wichtiger ist, dass Du begonnen hast, Deine eigene Rolle zu finden. Dass Du weißt, wofür Du stehen möchtest, wo Deine Grenzen sind und wie Du Deine Mitarbeiter führen willst. Und vor allem dass Du immer stärker spürst: Ich muss nicht meine Eltern kopieren. Ich darf Unternehmerin auf meine Art sein.
Denn genau das ist die eigentliche Herausforderung einer Unternehmensnachfolge. Nicht nur ein Unternehmen zu übernehmen, sondern die Verantwortung dafür zu übernehmen, welche Unternehmerin Du darin sein möchtest.
Die ersten 100 Tage sind deshalb kein Test, den Du bestehen musst. Sie sind der Anfang eines neuen Kapitels. Eines Kapitels, in dem Du nicht mehr nur die Tochter Deiner Eltern bist. Sondern die Unternehmerin, die ihre eigene Geschichte schreibt.

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