Die Übernahme im Familienunternehmen beginnt nicht erst mit dem finalen Termin beim Notar. Sie beginnt oft viel früher. Ich würde sogar behaupten: Die Übernahme in vielen Fällen bereits in der Kindheit.
Die meisten Nachfolgerinnen eines Familienunternehmens sind von klein auf im Betrieb unterwegs. Sie kennen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Abläufe und Strukturen. Sie haben die Hochs und Tiefs des Unternehmens hautnah miterlebt. Sie sind mit dem Unternehmen aufgewachsen.
Vielleicht haben sie schon als Kind im Büro gespielt, später in den Ferien mitgeholfen oder während des Studiums erste Aufgaben im Betrieb übernommen. Sie kennen die Geschichten hinter dem Unternehmen und wissen, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon seit Jahrzehnten dabei sind. Und trotzdem ist der Moment, in dem aus der Tochter die Unternehmerin werden soll, etwas völlig anderes.
Denn bei einer Übernahme geht es nicht nur um die betriebliche und rechtliche Übergabe. Es geht um eine Veränderung der eigenen Rolle.
Plötzlich bist Du nicht mehr nur die Tochter
Im Familienunternehmen gibt es eine Besonderheit, die es in kaum einem anderen Unternehmen gibt: Du bringst eine persönliche Geschichte mit.
Du bist nicht einfach eine neue Führungskraft. Du bist die Tochter Deiner Vorgängerin oder Deines Vorgängers. Und genau hier entstehen häufig Spannungen. Als Tochter möchtest Du vielleicht die Anerkennung Deiner Eltern. Du möchtest zeigen, dass Du ihre Arbeit wertschätzt. Du möchtest ihr Lebenswerk nicht enttäuschen und vielleicht auch beweisen, dass Du die richtige Person für die Nachfolge bist. Gleichzeitig verändert sich Deine Rolle.
Als Unternehmerin musst Du Entscheidungen treffen, die nicht immer den Vorstellungen Deiner Eltern entsprechen. Du musst vielleicht Dinge verändern, die Deine Eltern jahrzehntelang so gemacht haben. Du musst neue Wege gehen, obwohl bisherige Wege erfolgreich waren. Und Du musst möglicherweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führen, die Dich noch als „die Tochter vom Chef“ kennen. Das kann sich zunächst ungewohnt anfühlen. Denn während Deine Eltern Dich weiterhin als Tochter sehen, sollen andere Menschen Dich plötzlich als Unternehmerin wahrnehmen.
Verantwortung fühlt sich anders an, wenn sie plötzlich Deine ist
Solange Du im Unternehmen mitarbeitest, kannst Du Verantwortung teilen. Als Nachfolgerin verändert sich das. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, Deine eigenen Aufgaben gut zu erledigen. Du trägst Verantwortung für Menschen, für Entscheidungen und für die Zukunft des Unternehmens. Vielleicht musst Du eine Investition freigeben, eine Mitarbeiterin führen, eine schwierige Entscheidung treffen oder eine Veränderung anstoßen, die nicht bei allen auf Begeisterung stößt. Und damit kommt eine Frage, die viele Nachfolgerinnen irgendwann beschäftigt:
Bin ich dieser Rolle wirklich gewachsen?
Diese Frage bedeutet nicht, dass Du ungeeignet bist. Im Gegenteil: Sie zeigt, dass Du die Verantwortung ernst nimmst. Denn Unternehmerin zu sein bedeutet nicht, auf jede Frage sofort eine Antwort zu haben. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn nicht immer alles eindeutig ist.
Die Übernahme verändert auch die Beziehungen
Eine Unternehmensnachfolge verändert nicht nur Strukturen im Unternehmen. Sie verändert häufig auch Beziehungen. Aus Eltern und Tochter werden plötzlich zusätzlich Vorgänger und Nachfolgerin. Aus einem familiären Gespräch über das Unternehmen kann eine Diskussion über strategische Entscheidungen werden. Und genau diese Vermischung kann herausfordernd sein. Dabei rücken folgende Fragen in den Vordergrund:
- Wann sprechen wir gerade als Familie miteinander?
- Wann sprechen wir als Unternehmerinnen und Unternehmer?
- Wo braucht es klare Grenzen?
Gerade bei einer Übernahme im Familienunternehmen lassen sich diese Ebenen nicht immer sauber voneinander trennen. Das macht die Situation so besonders und manchmal eben auch so schwierig.
Es kann helfen, bewusst zu reflektieren, welche Rolle gerade im Vordergrund steht. Denn nicht jede Entscheidung muss gleichzeitig eine familiäre und eine unternehmerische Entscheidung sein.
Du musst nicht Deine Eltern kopieren
Eine der größten Herausforderungen in einer Nachfolge ist wohl der Vergleich. Sätze wie „Mein Vater hat das immer so gemacht.“ oder "Meine Mutter würde das anders lösen!" schwirren Dir regelmäßig im Alltag durch den Kopf.
Natürlich kannst Du von Deinen Eltern lernen und das ist auch wichtig. Denn ihre Erfahrung ist ein wertvoller Teil Deiner Ausgangslage. Sie haben das Familienunternehmen aufgebaut, weiterentwickelt und durch schwierige Zeiten geführt. Aber, und das ist entscheidend: Du musst nicht zu ihnen werden.
Du darfst Deine eigene Art entwickeln, Entscheidungen zu treffen und Du darfst neue Ideen einbringen und das Unternehmen weiterentwickeln. Und dennoch kannst und darfst Du gleichzeitig anerkennen, was Deine Eltern aufgebaut haben.

Im Gegenteil: Eine gelungene Unternehmensnachfolge bedeutet nicht, dass Du das bisherige Unternehmen unverändert weiterführst. Sie bedeutet, dass Du auf dem aufbaust, was vor Dir entstanden ist und daraus Deinen eigenen Weg entwickelst.
Was möchtest Du eigentlich übernehmen?
Bei einer Übernahme wird häufig darüber gesprochen, was übergeben wird: Anteile, Verantwortung, Aufgaben, Kundenbeziehungen oder Vermögenswerte. Mindestens genauso wichtig ist aber die Frage: Was möchtest Du als Nachfolgerin eigentlich übernehmen und was nicht?
Vielleicht möchtest Du bestimmte Werte Deiner Eltern unbedingt bewahren oder vielleicht ist Dir der persönliche Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wichtig. Gleichzeitig gibt es möglicherweise Dinge, die Du verändern möchtest. Strukturen, Prozesse, Führungsstil, Kommunikation oder Arbeitsweisen. Vielleicht sogar die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Diese Entscheidungen bewusst zu treffen, gehört zur Entwicklung Deiner eigenen unternehmerischen Identität.
Von der Tochter zur Unternehmerin ist ein innerer Rollenwechsel
Die größte Veränderung findet deshalb nicht unbedingt im Handelsregister statt. Sie findet in Deinem Kopf statt. Du beginnst, Dich nicht mehr nur zu fragen: „Was erwarten meine Eltern von mir?“ sondern „Was halte ich als Unternehmerin für richtig?“ Und genau das ist ein entscheidender Perspektivwechsel!
Du beginnst, Entscheidungen nicht mehr hauptsächlich danach zu bewerten, ob sie Zustimmung bekommen. Du entwickelst Deine eigene Vision, Du übernimmst Verantwortung und Du lernst, auszuhalten, dass nicht jede Deiner Entscheidungen von allen gut gefunden werden muss. Das kann herausfordernd sein. Aber genau darin liegt auch eine große Chance.
Denn Du musst nicht zwischen „dem Unternehmen meiner Eltern“ und „meinem Unternehmen“ wählen. Du kannst beides miteinander verbinden. Du kannst die Geschichte des Familienunternehmens respektieren und gleichzeitig seine Zukunft gestalten. Und irgendwann merkst Du:
Ich bin nicht nur die Tochter, die das Unternehmen übernimmt. Ich bin die Unternehmerin, die das Unternehmen in die Zukunft führt!
Unternehmensnachfolge bedeutet mehr als Übergabe
Genau dabei setzt Mentoring für Unternehmensnachfolgerinnen an. Denn fachliche Fragen können viele Experten wie Rechtsanwälte oder Steuerberater beantworten. Aber wer begleitet Dich bei der persönlichen Veränderung, die mit einer Unternehmensnachfolge einhergeht?
Bei den Fragen, die vielleicht nicht in einen Businessplan passen?
Zum Beispiel:
- Wer möchte ich als Unternehmerin sein?
- Wie möchte ich führen?
- Was möchte ich von meinen Eltern übernehmen?
- Wo brauche ich Grenzen?
- Wie kann ich meinen eigenen Weg gehen, ohne das Lebenswerk meiner Eltern abzuwerten?
Diese Fragen sind kein „Extra“ neben der eigentlichen Nachfolge. Sie sind ein Teil davon. Denn eine Unternehmensnachfolge kann auf dem Papier perfekt geplant sein und sich für die Nachfolgerin trotzdem falsch anfühlen. Die Übernahme eines Familienunternehmens ist deshalb nicht nur ein Übergabeprozess. Sie ist auch eine Reise von der Tochter zur Unternehmerin. Und je klarer Du Deine eigene Rolle auf diesem Weg entwickelst, desto leichter wird es, Verantwortung nicht nur formal zu übernehmen, sondern sie auch wirklich als Deine eigene anzunehmen.

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